Jahrhunderthalle Bochum > Besucher > Historie > Infotafeln Westpark > Die Gaskraftzentrale des Bochumer Vereins (Jahrhunderthalle)

Die Gaskraftzentrale des Bochumer Vereins (Jahrhunderthalle)

1903 Umnutzung eines Ausstellungspavillons für die Gaskraftzentrale des Bochumer Vereins

1910-1927 Ausbau der Gaskraftzentrale auf die heutige Größe

Im Sommer 1902 fand in Düsseldorf eine der größten Industrie- und Gewerbeausstellungen des Deutschen Reiches statt. 2.600 Aussteller, darunter alle großen Konzerne der Montanindustrie, nutzten diese Leistungsschau nicht nur zur Präsentation ihrer Erzeugnisse, sondern versuchten auch, Besucher und Konkurrenz durch prestigeträchtige Repräsentationsbauten zu beeindrucken. Der Bochumer Verein entschied sich für einen historisch romantisierenden Kirchenbau in neogotischer Anmutung, in den sich der Glockenturm für die berühmten Gussstahlgeläute perfekt eingliedern ließ. Werksarchitekt Heinrich Schumacher entwarf die rund 71 lange, 33 breite und 21 m hohe Konstruktion aus sieben Stahlbindern (siehe Abb. 1), die in Düsseldorf mittels einer Fassade aus weißen Putzflächen und rotem Sandsteinimitat verkleidet wurde. Wahrscheinlich hatte der Bochumer Verein von Beginn an beabsichtigt, die mangels technischer Kompetenz nicht selbst, sondern durch beauftragte Stahlbauunternehmen errichtete Halle nach Ausstellungsende auf seinem Werksgelände weiterzunutzen. Ein solches Vorgehen war angesichts der hohen Baukosten ebenso wie der Verkauf weit verbreitet, und so floss mitunter schon bei der Konzeption der zukünftige Verwendungszweck mit in die Planungen ein. Das Stahltragwerk der Halle wurde 1903 an der heutigen Position wiedererrichtet und nach außen mit massiven Backsteinwänden geschlossen. Damit entstand ein äußerlich bescheidener, typischer Industriebau. Im ältesten Teil des Gebäudes sind die sieben Stahlbinder des Düsseldorfer Ausstellungspavillons bis heute sichtbar (siehe Abb. 2).
Von nun an diente die Halle als Gaskraftzentrale des Bochumer Vereins. Hier verbrannten große Gasmotoren das im Hochofenprozess entstehende Gichtgas und trieben sowohl Generatoren zur Erzeugung von elektrischer Energie als auch die Gebläsemaschinen der Hochofenwindversorgung an. Damit ergänzte sie die Dampfkrafterzeugung. Mit dem Ausbau der Werksanlagen und der systematischen Elektrifizierung in den ersten drei Jahrzehnten des 20. Jahrhunderts stieg der Strombedarf. Hatten in der Gaskraftzentrale bei Betriebsbeginn 1903 nur jeweils eine der beiden Maschinentypen gearbeitet, erreichte die Halle bis 1908 ihre Kapazität mit acht 700-PS-Dynamomaschinen der Siemens-Schuckertwerke (500 V Gleichstrom) und drei Gebläsemaschinen. Da diese Leistung schon bald nicht mehr ausreichte, entstand zwischen 1910 und 1927 in sieben Ausbaustufen der heutige Hallenkomplex (siehe Skizze) mit weiteren Gebläsemaschinen und einer Elektrizitätserzeugung von rund 10,5 Megawatt. Mit der Stilllegung der Hochöfen 1968 verlor auch die Gaskraftzentrale ihre Funktion. Die maschinelle Einrichtung wurde demontiert und die Halle als Lager genutzt.
Seit 1991 steht die Jahrhunderthalle Bochum unter Denkmalschutz und seit 2003 als technisch moderne Veranstaltungshalle im Blickpunkt der Öffentlichkeit.
Der Name „Jahrhunderthalle“ beruht auf der in den 1980er Jahren entstanden irrtümlichen Annahme, dass sie anlässlich der Pariser Weltausstellung 1900, der „Jahrhundertausstellung“, errichtet worden sei.

Gichtgaswirtschaft

1876-1968 Hochofengas als Grundlage der Energieerzeugung

Bei der Verhüttung von Eisenerzen, Kokskohle und Zuschlagstoffen zu Roheisen entwickeln sich im Hochofen Gase, die an der „Gicht“, dem oberen Ofenende, durch besondere Vorrichtungen aufgefangen werden. Gichtgas besteht aus Stickstoff (ca. 50 %), Kohlenmonoxid (ca. 25 %), Kohlendioxid (ca. 15 %) sowie Wasserstoff (bis zu 5 %). Aufgrund des Kohlenmonoxidanteils ist es giftig. Im Vergleich zum Erdgas besitzt es einen äußerst geringen Heizwert von gerade 15 %. Da pro Tonne Roheisen große Mengen von bis zu 4.500 m3 Gichtgas anfielen, entwickelte die Stahlindustrie schon in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts zahlreiche Verfahren zur Nutzung dieser Energiequelle. Im 20. Jahrhundert wurde die Gichtgaswirtschaft schließlich zur energetischen Grundlage integrierter Hüttenwerke. Der hohe Anteil an schwerem und grobem Gichtstaub (Erz- und Sinterteilchen, Koksabrieb und Asche), der beim Bochumer Verein in den 1920er Jahren bei einer Roheisenerzeugung von 2.000 Tonnen am Tag bis zu 200 Tonnen erreichte, verhindert eine direkte Verwendung. Gichtgas wird daher grundsätzlich in Reinigungsanlagen entstaubt, der Staub durch Sinterung stückig gemacht und erneut dem Hochofen zugeführt.
Nachdem Gichtgase zunächst mangels einer Verwendungsmöglichkeit vollständig abgefackelt wurden, lagen die Anfänge der Gichtgasnutzung Mitte des 19. Jahrhunderts im Bereich des Hochofenbetriebs. Hier erhitzten sie nicht nur die in den Hochofen eingeblasene Luft („Winderhitzung“), sondern feuerten auch die Kessel der Dampfmaschinen, die die Gebläsemaschinen antrieben. Es entstand eine erste Energieverbundwirtschaft. Auch der Bochumer Verein setzte mit der Inbetriebnahme seines Hochofenwerks 1876 umgehend auf dieses Verfahren. Damit konnte jedoch nur ein geringer Teil des Gichtgases eingesetzt werden, sodass die Fackeln auf den Hochöfen weiterhin den Bochumer Nachthimmel erleuchteten. Ähnliches galt für das in der Hüttenkokerei entstandene Kokereigas.
Eine grundlegende Veränderung der Situation brachte erst der Gasmotor, der sich seit den 1870er Jahren zunehmend verbreitete und Ende des Jahrhunderts eine technische Reife und Leistungsfähigkeit erreichte, die einen Einsatz für die Zwecke der Stahlindustrie praktikabel erschienen ließen. Die erste Großgasmaschine Deutschlands ging 1898 beim Hoerder Verein im Dortmunder Süden in Betrieb, dessen Beispiel umgehend zahlreiche Unternehmen der Branche folgten. Dennoch war die Verwendung von Gasmotoren nicht unumstritten. Während sich bei der Erzeugung von Elektrizität gegenüber der Dampfkraft zunächst bedeutende Vorteile sowohl beim Wirkungsgrad als auch im täglichen Betrieb ergaben, entbrannte ein Streit um die günstigste Winderzeugung, der auch in den 1930er Jahren noch nicht entschieden war. Letztlich etablierte sich in der Stahlindustrie in der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts abhängig von der örtlichen Situation eine Kombination beider Systeme. Dazu trug wie beim Bochumer Verein schon der rationelle Einsatz der Abwärme der Gasmaschinen bei der Dampfkesselbeheizung bei. Das Unternehmen band in den 1920er Jahren auch das Werk Höntrop in den Gichtgasverbund ein. Teile der auf einer Rohrbrücke verlaufenden Leitung sind bis heute erhalten.

Autor: Dr. Dietmar Bleidick