Jahrhunderthalle Bochum > Besucher > Historie > Infotafeln Westpark > Der historische Kern des Bochumer Vereins für Bergbau & Gussfabrikation

Transport und Verkehr

1867 Erster Eisenbahnanschluss des Bochumer Vereins

1930 Die Erzbahn verbindet das Unternehmen mit dem Rhein-Herne-Kanal

Kohle – Eisen – Eisenbahn: Die Eisenbahn bildete als wichtiges Massentransportmittel sowie als Großverbraucher von Kohle und Stahl einen wichtigen Eckpfeiler der Industrialisierung des 19. Jahrhunderts. Wie bei fast allen älteren Unternehmen der Eisen- und Stahlindustrie des Ruhrgebiets war auch beim Bochumer Verein seit den 1850er Jahren die Produktion von Eisenbahnoberbaumaterial (Schienen, Schwellen, Weichen) und von rollendem Eisenbahnmaterial (Räder, Achsen, Radsätze) über mehrere Jahrzehnte das mit Abstand größte Geschäftsfeld. Beim Rohstoffbezug und Produktvertrieb war der Bochumer Verein jedoch fast 25 Jahre ausschließlich auf den beschwerlichen Straßentransport angewiesen.
Da die Trasse der 1847 eröffneten Köln-Mindener-Eisenbahn als erste überregionale Verbindung der Region nördlich von Bochum verlief, verwendete der Bochumer Verein Pferdewagen, die sich über noch unbefestigte Wege zum nächstgelegenen Bahnhof in Herne quälten. Obwohl die neue Strecke der Bergisch-Märkischen Eisenbahn zwischen Witten und Duisburg 1862 auch Bochum einen Bahnhof brachte, wartete das Unternehmen mit dem Bau eines Anschlussgleises bis zur Inbetriebnahme der heute noch befahrenen Zweigstrecke nach Riemke/Wanne 1867. 1874 folgte der Anschluss an die Rheinische Eisenbahn, die ihre aus dem linksrheinischen Raum kommende Strecke durch das Ruhrgebiet bis Dortmund verlängerte und direkt am Werksgelände hinter den Hochöfen vorbeiführte.
Gleichzeitig hatte der Bochumer Verein konsequent mit dem Aufbau eines Werksbahnnetzes begonnen, das den innerbetrieblichen Verkehr übernahm und innerhalb weniger Jahre eine Länge von 23 erreichte. Bis in die 1920er Jahre wuchs das Netz auf 86 km an, da systematisch die erworbenen Zechen und die neuen Werksteile in Weitmar und Höntrop integriert wurden. Die Zeche Carolinenglück war zudem über eine Seilbahn angebunden. Angesichts der räumlichen Nähe seiner Standorte und der beengten Verhältnisse im Stammwerk verfügte der Bochumer Verein nun zwar über umfangreiche, aber im Ruhrgebietsmaßstab vergleichsweise kleine Gleisanlagen. So betrieb die Abteilung Eisenbahn und Häfen der August Thyssen-Hütte in dieser Zeit im Raum Duisburg Strecken im Umfang von 400 km. Insgesamt erreichte der Umfang der Werksbahnnetze etwa das Niveau der Reichsbahnstrecken im Ruhrgebiet.
Eine besondere Rolle spielte die bis 1930 zum Bochumer Verein verlängerte „Erzbahn“. Sie verband das Unternehmen mit dem Hafen Grimberg am Rhein-Herne-Kanal in Gelsenkirchen und erleichterte den Transport von Rohstoffen über den Rhein und das deutsche Kanalnetz. Im Zentrum des Interesses standen nach dem Verlust des Grubenbesitzes in Lothringen die Lieferungen der unternehmenseigenen Erzgruben in Schweden und Importe aus Spanien und Algerien. Zu diesem Zweck hatte sich der Bochumer Verein kurz zuvor an der Reedereigesellschaft „Frigga“ beteiligt. Mit der Stilllegung der Hochöfen 1968 endete der Betrieb der Erzbahn. Im Zuge der Betriebseinstellung im Stammwerk verlagerte sich der Schwerpunkt des Werksbahnbetriebs nach Höntrop.

Der historische Kern des Bochumer Vereins für Bergbau und Gussstahlfabrikation

Alles begann mit einem Streit. Ende der 1830er Jahre hatte Jacob Mayer nach einer Uhrmacherlehre und einer mehrjährigen Tätigkeit in der englischen Stahlindustrie in Nippes bei Köln eine erste kleine Hütte zur Produktion von hochwertigem Tiegelgussstahl angelegt. Da Mayers finanzielle Mittel nicht ausreichten, schloss er 1839 einen Vertrag mit dem angesehenen Dürener Hüttenindustriellen Eberhard Hoesch über den gemeinsamen Betrieb einer Gussstahlfabrik. Die Bereitschaft von Hoesch zur Kooperation mit Mayer war ein bedeutendes Zeichen für dessen herausragende technische Kompetenz. Beide konnten sich jedoch nicht auf einen Standort einigen und trennten sich wieder. Während Hoesch wegen der Nähe zu Düren Stolberg bei Aachen bevorzugte, favorisierte Mayer aufgrund der besseren Kohlenqualität das Ruhrgebiet, was Hoesch aufgrund der Entfernung ablehnte. Die Familie Hoesch engagierte sich im Ruhrgebiet erst ab 1871 mit dem gleichnamigen Eisen- und Stahlwerk in Dortmund.
1842 fand Mayer in dem Magdeburger Kaufmann Eduard Kühne endlich einen neuen Geschäftspartner. Umgehend begann die Suche nach einem günstigen Standort, der laut Gesellschaftsvertrag der Firma Mayer & Kühne „bei Bochum und Essen“ liegen sollte. Dieser fand sich schließlich im Westen der Kleinstadt Bochum, verkehrsgünstig an der Chaussee nach Essen im Bereich des heutigen östlichen Geländes (Grafik). Auf einer Fläche von gerade 6.000 m2, einem Fußballplatz begann 1845 mit rund 60 Arbeitern die Produktion in Tiegelstahlschmelze und Verarbeitungswerkstätten.
Trotz der herausragenden Produktqualität hatte das junge Unternehmen zahlreiche Startschwierigkeiten zu überstehen. Mayer hatte gehofft, innerhalb kurzer Zeit jährlich bis zu 1.000 t Gussstahl absetzen zu können. Da seine Hauptkundschaft, die bergisch-märkische Kleineisenindustrie, weiterhin andere Stahlsorten oder günstige Importe aus England bevorzugte, verfehlte er dieses Geschäftsziel zunächst deutlich. Auch der Einstieg in den Rüstungssektor gelang nach dem ersten Kanonenguss 1847 nicht. Die Gründe für die schlechte Entwicklung lagen nicht nur in der schwachen Konjunktur und der Revolution 1848/49, sondern waren auch das Ergebnis der verfehlten Unternehmenspolitik der beiden Gründer. Der Kaufmann Kühne hatte dem allein auf den Stahlguss konzentrierten Mayer wenig entgegenzusetzen. So entsprachen die meisten Anlagen weder dem technischen Stand der Zeit noch war ihre Kapazität aufeinander ausgerichtet. Auch der Aufschwung der frühen 1850er Jahre änderte die Situation des ständig am Rande des Bankrotts arbeitenden Unternehmens nicht. Erst die Gründung der Aktiengesellschaft Bochumer Verein für Bergbau & Gussstahlfabrikation brachte 1854 die nötige Kapitalbasis und mit Louis Baare einen Generaldirektor, der das Versäumte nachholte. Jacob Mayer blieb die Position des technischen Direktors.
Die Werksanlagen wurden nun ungebremst erweitert und auf die Erzeugung von Massengütern ausgelegt: Walzwerke, Hammerwerk, Steinfabrik, Eisengießerei, Räderfabrik, Werkstätten, Federnfabrik und eine Radsatzdreherei sind einige Beispiele der Bauaktivitäten des Bochumer Vereins in dieser Phase. Neben Fertigprodukten vertrieb das Unternehmen auch „Halbzeuge“ wie Blöcke, Brammen (rechteckige Blöcke), Knüppel (kleinere Blöcke und Brammen), Stabstahl und Bleche, die von den Kunden weiterverarbeitet wurden. Mitte der 1860er Jahre folgte mit dem Bessemer-Verfahren auch der Einstieg in die eigene Stahlerzeugung. 1866 wurde mit dem Hammerwerk II (Grafik) die weltweit erste Dreigelenkbogenhalle errichtet. Solche flexiblen, widerstandsfähigen Stahlkonstruktionen verbreiteten sich rasch im Bahnhofs- und Hallenbau und kamen auch bei der Jahrhunderthalle zum Einsatz. Fast alle Betriebe konzentrierten sich bis in die 1870er Jahre auf dem östlichen Gelände.

Autor: Dr. Dietmar Bleidick