Der Bochumer Verein für Bergbau und Gussstahlfabrikation

Der Bochumer Verein gehört zu den ältesten Montanunternehmen des Ruhrgebiets und war über fast 130 Jahre der größte Industriebetrieb Bochums. 1842 zu Beginn der ersten Industrialisierungsphase als Firma Mayer & Kühne gegründet, erlangte das junge Unternehmen aufgrund seiner hohen Produktqualität schon bald überregionale Bedeutung. Ausschlagegebend hierfür war insbesondere das um 1850 von Jacob Mayer entwickelte Stahlformgussverfahren, mit dem erstmals hochwertige Stahlprodukte wie Maschinenteile ohne den bis dahin üblichen arbeitsintensiven Schmiedeprozess hergestellt werden konnten. Trotz der guten Geschäftsgrundlage sorgten der hohe Investitionsbedarf, eine mitunter unglückliche Geschäftspolitik und konjunkturelle Schwankungen für dauerhafte finanzielle Schwierigkeiten. 1854 erzwangen daher die Gläubiger die Umwandlung in eine Aktiengesellschaft, den „Bochumer Verein für Bergbau und Gussstahlfabrikation”.

Unter Generaldirektor Louis Baare (bis 1895) und dem technischen Leiter Jakob Mayer (bis 1875) etablierte sich der Bochumer Verein in den folgenden Jahrzehnten unter den führenden Unternehmen der Branche. Sie begründeten den Ruf des Unternehmens als Qualitätsstahlwerk, das umsatzstarke Massenartikel wie Schienen und rollendes Eisenbahnmaterial sowie schwere Guss- und Schmiedestücke für den Maschinen- und Schiffbau erzeugte. Baare leitete den Bochumer Verein patriarchalisch-autoritär mit der Machtfülle eines Eigentümers, erlaubte sich aber auch massive Fehlentscheidungen u. a. bei Auslandsbeteiligungen und der Rohstoffversorgung des Werkes. Zugleich setzte er weit über das branchentypische Maß herausreichende Zeichen im Bereich des betrieblichen Sozialwesens. Gehörten der in den 1860er Jahren begonnene Werkswohnungsbau und die Betriebskrankenkasse noch zum allgemeinen Standard, übertrafen die freiwilligen Sozialleistungen des Unternehmens etwa durch Pensions- und Unterstützungskassen diesen erheblich. Auch an der Umsetzung der Bismarckschen Sozialversicherung der 1880er Jahre war Baare konzeptionell maßgeblich beteiligt.

Es folgten Jahre der Expansion und Modernisierung. 1889 wurde die Gesellschaft für Stahlindustrie mit ihren Anlagen an der Bessemerstraße übernommen. Bis zum Ersten Weltkrieg ergänzte der Bochumer Verein seine Rohstoffbasis u. a. durch den Ankauf der benachbarten Zechen Engelsburg und Carolinenglück sowie mehrerer Erz- und Kalkgruben. Dazu flossen umfangreiche Mittel in den systematischen Ersatz veralteter Anlagen, den Ausbau der Kapazitäten und die Energieversorgung.

Nach dem Krieg verlor der Bochumer Verein seine Selbstständigkeit. Durch die Übernahme der Aktienmehrheit durch Hugo Stinnes wurde er 1921 Teil der von diesem gebildeten Siemens Rheinelbe-Schuckert-Union, einer Interessengemeinschaft mehrerer Unternehmen der Montan- und Elektroindustrie.

1926 ging der Bochumer Verein schließlich im Zuge der allgemeinen Rationalisierungs- und Konzentrationstendenzen in dem neu gegründeten Großkonzern Vereinigte Stahlwerke AG auf, der ihn als Werksgruppe und ab 1934 als Tochtergesellschaft führte. Zu dieser gehörten auch das kurz zuvor errichtete Zweigwerk in Höntrop an der Essener Straße und das ehemalige Werk der Westfälischen Stahlwerke (Rombacher Hütte) in Weitmar an der Kohlenstraße. Es folgte die Angliederung weiterer Unternehmen, darunter des Fahrzeug- und Maschinenherstellers Hanomag in Hannover, sodass die Mitarbeiterzahl des Konzerns mit fast 35.000, darunter 10.000 im Bochumer Stammwerk, einen absoluten Höchststand erreichte. Das Produktionsprogramm konzentrierte sich weiterhin auf Qualitäts- und Edelstähle sowie den Bereich der Stahlformgussstücke, in dem der Bochumer Verein unverändert eine führende Position besaß.

Nach dem Zweiten Weltkrieg verlor das Unternehmen einen Teil seiner Werksanlagen durch Demontagen. Mit der Entflechtung und Neuordnung der Ruhrindustrie entstand 1951 die Gußstahlwerk Bochumer Verein AG, die 1956 wieder den angestammten Namen annahm. Ende der 1950er Jahre geriet der Bochumer Verein unter Einfluss des Krupp-Konzerns, der ihn Mitte der 1960er Jahre mit seiner Tochtergesellschaft Hütten- und Bergwerke Rheinhausen AG zur Fried. Krupp Hüttenwerke AG fusionierte. In Reaktion auf die Strukturkrise der Stahlindustrie begann umgehend die Stilllegung zahlreicher Produktionsstätten, die 1985 mit der Schließung des Werkes und dem Abriss zahlreicher Anlagen endete. Erhalten blieben das ThyssenKrupp Edelstahlwerk in Höntrop sowie das vom Bochumer Verein Verkehrstechnik GmbH genutzte Schmiedewerk.

In den 1990er Jahren wurden die Jahrhunderthalle – heute Veranstaltungsort und Ankerpunkt der Route der Industriekultur – und die meisten der angrenzenden Maschinenhallen unter Denkmalschutz gestellt. Im Rahmen des Projektes „Innenstadt West“ folgte die Umnutzung des ehemaligen Industriegeländes mit seinen attraktiven Bauten zu einem 38 ha großen Park. 2009 wurde der Westpark durch das Bundesverkehrsministerium mit dem „Nationalen Preis für integrierte Stadtentwicklung und Baukultur“ ausgezeichnet.

Das Konzept des integrierten Hüttenwerks

Der Begriff „Integriertes Hüttenwerk“ kennzeichnet einen Anlagenverbund mehrerer Produktionsstufen zur Verarbeitung von Rohstoffen zu Stahlerzeugnissen unterschiedlichster Art. Während sich dieses Konzept seit der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts nach und nach schon bei der Werksplanung durchsetzte, mussten die um die Jahrhundertmitte entstandenen Unternehmen der Eisen- und Stahlindustrie des Ruhrgebiets ihre Standorte systematisch mit diesem Ziel ausbauen. Der Bochumer Verein ist ein typisches Beispiel für ein solches historisch gewachsenes integriertes Hüttenwerk.

Ausgangspunkt bei der Werksgründung in den 1840er Jahren war zunächst nur ein Puddel- und Tiegelstahlwerk, in dem in einem aufwendigen Prozess aus Roheisen Stahl erzeugt wurde. Dazu kamen einzelne angeschlossene Gießereien und Schmieden als weiterverarbeitende Betriebe. Roheisen wurde aus dem In- und Ausland hinzugekauft. Im Laufe der Zeit folgten auf der nachgelagerten Ebene Press- und Walzwerke, Schlossereien, Drehereien und mechanische Werkstätten zur Nachbearbeitung der Erzeugnisse, die eine wachsende Produktvielfalt ermöglichten. Der entscheidende Schritt vom Stahl- zum Hüttenwerk war der Bau von Hochöfen, in denen aus Erzen, Koks und Zuschlagstoffen wie Kalk Roheisen erschmolzen wurde. Der Bochumer Verein entschloss sich zu dieser Maßnahme erst vergleichsweise spät in den 1870er Jahren. Eine auf dem Werksgelände liegende Hüttenkokerei lieferte den Koks; die Kohle stammte schon jetzt von einer ersten werkseigenen Zeche. Eine besondere Bedeutung besaß für alle Hüttenwerke die Energie- und Wasserversorgung. Auch in diesen Bereichen entstand beim Bochumer Verein nach und nach eine Verbundwirtschaft, die die im Hochofen- und Kokereiprozess anfallenden brennbaren Gase anfangs zu Heizzwecken und seit Beginn des 20. Jahrhunderts vermehrt auch zur Erzeugung von Elektrizität nutzte. Während ein großer Teil des Energiebedarfs auf diese Weise eigenständig gedeckt werden konnte, sorgten mehrere Wasserkreislaufsystem für die Wiederverwertung der großen Kühlwassermengen. Seit den 1920er Jahren betrieb der Bochumer Verein wie alle Unternehmen der Branche eine regelrechte Wärmewirtschaft mit dem Ziel eines möglichst rationellen Energieeinsatzes.

Der Anlagenverbund beschränkte sich nicht auf das Stammwerk, sondern berücksichtigte seit dieser Zeit zunehmend auch Zweigwerke und unternehmenseigene Zulieferbetriebe. Im folgenden Jahrzehnt erreichte die Integration auch den Fahrzeug-, Maschinen- und Anlagenbau. Der Bochumer Verein war endgültig zu einem vertikal strukturierten Konzern geworden.

Autor: Dr. Dietmar Bleidick