Das Colosseum

1911-12 Bau des Colosseums zur Sicherung der Siemens-Martin-Stahlwerke

140 Jahre Werksbetrieb formten die einst landwirtschaftlich genutzte und von Wiesen und Feldern geprägte Naturlandschaft im Bochumer Westen zu einer auf die Anforderungen eines integrierten Hüttenwerks ausgerichteten Industrielandschaft. Das Werk befand sich in einem stetigen Wandel. Zuschnitt und Position der Anlagen änderten sich mit dem Ausbau der Kapazitäten, neuen Produkten und Erzeugungsverfahren. Obwohl ein Großteil der Bauten längst verschwunden ist, lässt sich dies bis heute an der einzigartigen Topographie des Geländes nachvollziehen. Die drei Geländeebenen rund und im die Jahrhunderthalle dokumentieren die Entwicklung eindrucksvoll. Ihre Höhenunterschiede sind nicht natürlichen Ursprungs, sondern Folge einer Werksplanung, die systematisch mit den Vorteilen verschiedener Ebenen arbeitete und auf dem vergleichsweise kleinen Gelände den Bau in die Höhe auch aus Gründen der Platzeinsparung favorisierte. Die Ebenen erleichterten die Errichtung neuer Produktionsstätten, die Anlage kreuzungsfreier Transportwege und Materialschüttungen aus der Höhe auf nun tiefer liegende Geländeteile. Als Baumaterial diente neben Abfallstoffen des Werkes wie Aschen und Schlacken vor allem das im Bergbau mit der Kohle zutage geförderte Bergematerial (Gestein).
Stützmauern spielten bei diesem Konzept eine buchstäblich tragende Rolle, denn die künstlich angehäuften Massen benötigten Schutz vor Rutschungen und Abbrüchen. Dies galt insbesondere für den Bau großer Werksanlagen wie dem etwa 300 x 100 Meter großen Stahlwerksplateau. Dort hält das Colosseum – die spektakulärste Mauer des Areals – die südliche und westliche Flanke der Ebene sicher umklammert und trotzte dem immensen Gewicht der beiden Siemens-Martin-Stahlwerke. Es wurde zwischen 1911 und 1912 im Zuge der Modernisierung des Martinwerks I und der Errichtung des Martinwerks II errichtet. Das 16 Meter hohe Bauwerk besteht aus rund 2,8 Millionen Ziegelsteinen, die aus der werkseigenen Ziegelei stammten. Zur weiteren Stabilisierung der im Arkadenstil errichteten Mauer wurden die Stützpfeiler durch tragende Zwischendecken verbunden. Dadurch entstand zugleich ein nutzbares Gebäude, das in seinem Inneren Waschkauen, Büros und Materiallager beherbergte. Im unteren Teil existierten Kriechgänge, die im Zweiten Weltkrieg in das weiträumige, unterirdische Luftschutzsystem des Bochumer Vereins integriert wurden. Die zahlreichen fensterartigen Nischen gaben dem Gebäude in Anlehnung an das gleichnamige Amphitheater in Rom seinen volkstümlichen Namen.
Beim Abriss der Siemens-Martin-Hallen 1983 wurden auch Teile des Colosseums beseitigt. Fehlende Dachaufbauten führten zu verstärktem Witterungseinfluss auf das Mauerwerk, sodass 1997 die Baufälligkeit festgestellt und ein Abbruch empfohlen wurde. Nach der Revitalisierung der Jahrhunderthalle entschlossen sich die Stadt Bochum und die Landesentwicklungsgesellschaft NRW 2005 zur Sicherung und Renovierung des Bauwerks. 2010 konnte das in neuem Glanz erstrahlende Colosseum und der davor liegenden Platz eingeweiht werden. Wie schon seit 1994 sind in den Arkaden sieben Stahlskulpturen des Bochumer Künstlers Friedrich Gräsel ausgestellt.


1866/1900: Mechanische Werkstätten

Zur Nachbearbeitung und Montage von Erzeugnissen der Schmieden, Press- und Walzwerke unterhielt der Bochumer Verein Mechanische Werkstätten. Diese entwickelten sich mit zunehmender Produktvielfalt zu Großbetrieben und wurden um 1900 auf dem westlichen Geländeteil in zwei Hallenkomplexen an der Alleestraße konzentriert. Zuvor befanden sich hier nur die 1866 gebaute und als erste Mechanische Werkstatt genutzt Kanonenproduktion, eine Ringofenziegelei und ein Gaswerk. Noch vor dem Ersten Weltkrieg entstanden zudem eine Waggon-Reparaturwerkstatt, eine Vergütungsanlage für Eisenbahnräder und eine 200 m lange Halle für den Weichenbau an der Gahlenschen Straße im Bereich der Parkplätze. 1936 ersetzte der heute noch als Lager genutzte Neubau des Architekten Emil Rudolf Mewes an der Alleestraße die alten Mechanischen Werkstätten. Das Gebäude ist ebenso denkmalgeschützt wie das dazugehörige Verwaltungsgebäude an Tor 5. Hinter der Halle lag an der äußersten Ecke des Geländes der Vergütungsturm für besonders lange und schlanke Produkte wie Kurbelwellen und Walzen. Mit einer Ofenhöhe von 30 m gehörte er bis in die 1950er Jahre deutschlandweit zu den größten Anlagen seiner Art.

Der Bochumer Verein im Nationalsozialismus

Nach der Machtübergabe an die Nationalsozialisten entwickelte der Bochumer Verein unter seinem Vorstandsvorsitzenden Walter Borbet eine große Nähe zum Regime. Die Gründe für den umgehend eingeleiteten Umbau des Konzerns zu einem Rüstungsbetrieb waren dabei sowohl geschäftlicher und nationalistischer als auch ideologischer Natur. Nachdem die Rüstungsproduktion beim Bochumer Verein bis zum Ersten Weltkrieg kaum mehr als ein Nebengeschäft gewesen war, hatte erst mit dem allgemeinen Übergang zur Kriegswirtschaft ab 1915 die Herstellung von Geschützen und Munition einen besonderen Stellenwert erlangt. Während der Weimarer Republik (1919-1933) gehörte der Bochumer Verein zu den wenigen Unternehmen, die mit einer Ausnahmegenehmigung der Alliierten Munition im nach dem Versailler Vertrag weitgehend entmilitarisierten Deutschland produzieren durften.
Borbet war bereits in dieser Zeit an geheimen Rüstungsplanungen der Reichswehr beteiligt gewesen und nutzte nun diese Kontakte. 1934 erwarb der Bochumer Verein mit Unterstützung der Reichswehrführung das Fahrzeug- und Maschinenbauunternehmen Hanomag in Hannover, wo später Bochumer Vorprodukte zu Waffen montiert werden sollten. Gleichzeitig wurde das stillliegende Werk Weitmar zur Herstellung von Panzerkuppeln reaktiviert. 1935 erhielt Borbet als einer der ersten den neu geschaffenen Titel „Wehrwirtschaftsführer“, während mit Adolf Hitler und Hermann Göring zugleich die Spitzen des Regimes das Werk besuchten.
Auch auf der Belegschaftsebene wurde der Bochumer Verein aktiv. Die nach dem Verbot der freien Gewerkschaften im Mai 1933 an deren Stelle getretene „Deutsche Arbeitsfront“ schwor die Arbeiter durch Förderung sozialer Maßnahmen auf die „Volksgemeinschaft“ ein. Der 1936 initiierte „Leistungskampf der deutschen Betriebe“ sollte in diesem Sinne die Arbeitsbedingungen verbessern, führte jedoch wie beim Bochumer Verein häufig nur zu Korrekturen am Erscheinungsbild der Werke. Dennoch wurde das Unternehmen aufgrund seines besonderen Engagements als erster Montanbetrieb Deutschlands zum „Nationalsozialistischen Musterbetrieb“ erhoben.
Auf technischer Ebene von besonderer Bedeutung war die Kombination von Elektrostahlerzeugung und Schleudergussverfahren, mit dem Hohlkörper aus Stahl wie Geschützrohre kostengünstig und schnell erzeugt werden konnten. Der Bochumer Verein besaß über die Hochfrequenz-Tiegelstahl GmbH ein Produktionsmonopol im Verbund der Vereinigten Stahlwerke.
Wie die gesamte deutsche Industrie erhielt der Bochumer Verein die Rüstungsproduktion mit zunehmender Kriegsdauer nur durch den massenhaften Einsatz von Kriegsgefangenen, Zwangsarbeitern und KZ-Häftlingen aufrecht. Ihre Lebens- und Arbeitsbedingungen waren in der Regel katastrophal. Viele starben bei Arbeitsunfällen und Bombenangriffen, an Entkräftung oder angesichts der desolaten hygienischen Situation in den Lagern durch Krankheiten. Anfang 1945 arbeiteten beim Bochumer Verein rund 6.000 Zwangsarbeiter und 1.700 Häftlinge eines Außenkommandos des Konzentrationslagers Buchenwald. Lager befanden sich u. a. an der Baarestraße, an der Metzstraße, an der Brüllstraße und auf der „Sauren Wiese“ an der Essener Straße.
Gegen Kriegsende waren die Werke des Bochumer Vereins weitgehend zerstört. An die Zeit des Zweiten Weltkriegs erinnern noch heute die Reste unterirdischer Luftschutzräume und Steuerungseinrichtungen für Produktionsanlagen unter dem Westpark Bochum.

Autor: Dr. Dietmar Bleidick