1876 Beginn der Energieverbundwirtschaft


Die Energieverbundwirtschaft des Bochumer Vereins umfasste bereits im ausgehenden 19. Jahrhundert einen großen Teil der werkseigenen Energieerzeugungssysteme und wurde in den folgenden Jahrzehnten weiter ausgebaut. Wichtigstes Ziel war wie in allen Betriebsbereichen die möglichst vollständige Rückgewinnung und Nutzbarmachung kreislaufgeeigneter Stoffe ‑ hier von Kuppelgasen (Gase, die als Nebenprodukt von Erzeugungsprozessen entstehen) und nicht direkt verwendbarer Restenergie wie etwa Abwärme. Dazu kam die systematische Umstellung aller Anlagen auf die jeweils effizienteste, kostengünstigste Energieform. Dies war in den 1930er Jahren weitgehend erreicht. Hatten diese auch als „Energiekaskade“ bezeichneten Energieumwandlungsprozesse in der Stahlindustrie zunächst vor allem ökonomische Gründe, folgten seit den 1960er Jahren vermehrt auch Aspekte des Umweltschutzes.
Der Energieverbund entstand mit Inbetriebnahme der Hochofenanlage und der Hüttenkokerei 1876 und band als Kraftanlagenverbund zunächst nur diese Bereiche ein. Dennoch verdeutlichen schon die Anfänge das Prinzip des Energieverbundes. Während die gesamte Stahlverarbeitung zu dieser Zeit auf der Verwendung von Kohle und deren Verfeuerung unter Dampfkesseln beruhte, wurden die im Hochofen entstehenden Gichtgase zur Erhitzung des Hochofenwindes und in der Kesselanlage der Dampfgebläse eingesetzt, die den Wind in die Öfen pressten. Das Kokereigas diente direkt zur Beheizung der Koksöfen, nachdem es seine Wärme an dampferzeugende Abhitzekessel abgegeben hatte.
Ein weiteres Beispiel war die 1895 errichtete Dampfkraftzentrale. Die Anfänge der Elektrizitätsverwendung beim Bochumer Verein lagen in den ausgehenden 1870er Jahren. Zahlreiche voneinander unabhängige Kleinnetze mit eigenen Erzeugeranlagen erlaubten jedoch weder einen rationellen Betrieb noch höhere Leistungen. Diese Möglichkeit bot erst die Zentralisierung der Stromerzeugung in der Dampfkraftzentrale, die damit zur Grundlage der Elektrifizierung des Werkes wurde. Als Brennstoff der Dampfmaschinen, die Generatoren antrieben, diente auch hier das Gichtgas. Mit dem Ausbau der der Gaskraftzentrale (Jahrhunderthalle), die vollständig auf den Gichtgasbetrieb ausgerichtet war, endete schließlich 1909 die Ära der Dampfkraft in diesem Bereich vorübergehend. 1917 feierte sie eine Renaissance, als aus Platzgründen und zur Spitzenlastdeckung gichtgasbetriebene Dampfturbinen in Betrieb genommen wurden. Der Zuschnitt des Kraftanlagenverbundes (Grafik) ist auch heute noch anhand der erhaltenen Gebäude erkennbar: Dampfkraftzentrale (spätere Dampfturbinenzentrale) – Dampfgebläsehaus – Gaskraftzentrale (heutige Jahrhunderthalle Bochum).

Die Phasen der Energieerzeugung des Kraftanlagenverbunds im Überblick finden Sie hier.

Das Dampfgebläsehaus

1876-1908 Hochofenwind aus dampfgetriebenen Gebläsemaschinen

Das Dampfgebläsehaus (Grafik) stammt als ältestes erhaltenes Bauwerk im Westpark Bochum aus dem Jahr 1873. Es war ein unverzichtbarer Nebenbetrieb der Hochofenanlage, der stetig große Luftmengen zur Aufrechterhaltung des Verhüttungsprozesses zugeführt werden mussten. Die beiden in den 1870er Jahren in Betrieb genommenen Hochöfen verfügten jeweils über ein eigenes Gebläse, sodass ein unabhängiger Betrieb gewährleistet war. Der Druckaufbau erfolgte über Expansionszwillingsdampfmaschinen, an die jeweils zwei Kolbengebläse angeschlossen waren. Diese transportierten die komprimierte Luft über eine fast 200 m lange Windleitung zu den Hochöfen. Zur Dampferzeugung dienten 13 Kessel im benachbarten Kesselhaus.
Die ungewöhnliche Form des Gebäudes – schmal, aber hoch – ergab sich aus der der senkrechten Anordnung der Maschinen. Eine solche Konstruktion war zwar aus Wartungsgesichtspunkten ungünstig, sparte aber Platz und besaß zudem geringere Anlagekosten. Dennoch scheint sie auch eine Geschmacksfrage gewesen zu sein, denn etwa die Hälfte der im 19. Jahrhundert im Ruhrgebiet entstandenen Gebläsehauser beherbergte liegende Maschinen.
Mit der Erweiterung der Hochofenanlage in den 1880er Jahren wurde das Dampfgebläsehaus jeweils nach Westen ausgebaut, um Platz für weitere Maschinen zu schaffen. Diese Bauabschnitte lassen sich noch heute an der Nordfassade des Gebäudes (Grafik) erkennen. Nach der Stilllegung der Anlage 1908 wurde das Gebäude als Werkstatt und Schmiede genutzt.
Im Ruhrgebiet ist nur im Landschaftspark Duisburg-Nord eine weitere historische Dampfgebläsehalle erhalten.

Dampfkraftzentrale/Dampfturbinenzentrale

1895-1909 Zentralisierung der Stromerzeugung in der Dampfkraftzentrale

1917-1968 Hauptstromerzeugung in der Turbinenzentrale

Die im Vergleich zum Dampfgebläsehaus flache und lange Dampfkraftzentrale (Grafik) legte beim Bochumer Verein ab 1895 den Grundstein für die Elektrifizierung des Werkes. Dampfmaschinen sorgten im Verbund mit Dynamomaschinen (Generatoren) für die Versorgung mit Gleichstrom. Die installierte Leistung betrug jedoch nur 1,65 Megawatt, sodass die Dampfkraftzentrale mit der Errichtung der Gaskraftzentrale (Jahrhunderthalle) ab 1903 an Bedeutung verlor und 1909 stillgelegt wurde. Das Schalthaus befand sich im Anbau am Nordende des Gebäudes (Grafik), das nicht erhaltene Kesselhaus (Grafik) etwas weiter östlich.
1917 folgte die Reaktivierung als Dampfturbinenzentrale, da die Gaskraftzentrale den ständig wachsenden Elektrizitätsbedarf nicht mehr decken konnte und verstärkt Drehstrom eingeführt werden sollte. Die Gründe für diese Entscheidung lagen in den Vorteilen der Dampfturbine, die sich seit der Jahrhundertwende im Kraftwerksbau gegenüber den Dampfkolbenmaschinen durchgesetzt hatten: Bei höherer Leistung benötigten sie weniger Platz und hatten zudem niedrigere Anschaffungs- und Betriebskosten. Schon Anfang der 1920er Jahre erreichte die Dampfturbinenzentrale mit einer Leistung von 23,5 Megawatt mehr als das Doppelte der Gaskraftzentrale.
Dennoch konnte ab 1925 die Stromversorgung nur noch durch Fremdstrombezug gedeckt werden, als auch die Zweigwerke in den Netzverbund integriert wurden. Lieferanten waren nun u. a. die Vereinigten Elektrizitätswerke Westfalen (VEW) sowie die Kraftwerke der Zechen Prinz Regent, Engelsburg und Carolinenglück. Mit der Umstellung der Walzwerke auf elektrische Antriebe und der Elektrifizierung des Bahnbetriebs wuchs der Strombedarf weiter. 1964 erreichte die Dampfturbinenzentrale mit 80 Megawatt Leistung ihre höchste Ausbaustufe. Die Stilllegung der Hochöfen beendete 1968 die gichtgasbasierte Stromerzeugung. Von den fünf Aggregaten sind zwei erhalten und stehen unter Denkmalschutz. Die weitere Nutzung der Turbinenzentrale zur Presslufterzeugung für das Werk Höntrop endete 1994.

Autor: Dr. Dietmar Bleidick